Liebe Leserinnen und Leser unseres Konti-Letters,
Die heutige Ausgabe enthält folgende Beiträge:
Die neue Erde (von Jan Šedivý)
Bethlehem in uns (von Stefan Eideloth)
Der Stern ist da und leuchtet (von Karl Rahner, 1904–1984)
Erinnerung an Sabine Schubert (verst. am 29.9.2025)
Die neue Erde
Wie ein wanderndes Lichtzeichen begleitet die Menschheit die Vision einer anderen, einer besseren Welt. Was sie zu Sprache bringt, ist die Sehnsucht der Menschen nach einem Leben, das größer ist als das Jetzige und als sie selbst. Die prophetischen Schriften der Religionen sind Überbringer dieser Vision. Die Worte der Propheten wurden oft in einer Welt gesprochen, in der Hass, Gewalt und Unheil in vielen Formen herrschten. Solche Zustände sind uns auch heute nicht fremd. So sind die prophetischen Worte aktuell bis in unsere Zeit.
Eine Vision ist kein Tatsachenbericht darüber, wie etwas einmal sein wird. Sie soll die Menschen bewegen, im Hier und Jetzt ihr Leben zu ändern. Eine Vision zeigt die Richtung, wohin die Menschen sich entfalten sollen, um ihre aktuellen Probleme zu lösen. Sie bietet Orientierung an.
Die Verwirklichung einer Vision lässt sich nicht erzwingen und schon gar nicht mit Gewalt herbeiführen. Eine Vision muss immer wieder neu an reale und konkrete Verhältnisse angepasst werden. Sie muss für jede Zeit, für jede Epoche neu formuliert werden. Als Ausdruck von Sehnsucht ist sie zutiefst mit Hoffnung verknüpft und damit ein Thema des Advents und Weihnachten.
Die Hoffnung auf eine positive Veränderung hilft vor allem dann, wenn Menschen nicht weiterwissen, wenn sie verzweifelt sind, wenn alles schrecklich erscheint oder kein Ausweg in Sicht ist.
Die Hoffnung, dass ich „es hinbekomme“ und dass eine schlimme Situation sich zum Besseren ändern wird, ist eine wichtige Lebenshaltung. Sie weckt die Lebenskräfte und stärkt uns. Somit ist die Hoffnung eine Kraftquelle in vielen Lebenssituationen. Bei Kranken fördert sie den Genesungsprozess, indem sie die Selbstheilungskräfte aktiviert. Menschen, die hoffen, genesen besser. Nach einem Herzinfarkt kommen sie schneller wieder auf die Beine, und sogar Knochenbrüche und Verbrennungen heilen besser.
Gleichzeitig spornt Hoffnung zum Handeln an. Die spontanen Heilungen zum Beispiel von Krebs, können teilweise darauf zurückgeführt werden, dass Patienten nach der Diagnose ihr Leben ändern. Sie ernähren sich anders, ändern ihre Gewohnheiten und ihre Lebensziele.
Der große Vorteil der Medizin Hoffnung ist, dass sie keine negativen Nebenwirkungen hat. Hoffnung zieht positive Lösungen an, genauso wie Angst Katastrophen anzieht. Wo Menschen die Hoffnung verlieren, sinkt ihre Lebensenergie und ihre Selbstheilungskräfte schwinden.
Die Hoffnung aufzugeben bedeutet Resignation. Wer die Hoffnung verliert, gibt sowohl die Gegenwart als auch die Zukunft auf. Dies kommt in einer tragischen Begebenheit zum Ausdruck:
Ein Mann wurde eines Abends versehentlich in einem Kühlraum eingeschlossen. Er wusste, dass bis zum Morgen niemand kommen würde. Er glaubte, dass dies sein Todesurteil sei, da es unmöglich sei, eine ganze Nacht in solch extremer Kälte zu überleben. In seiner Verzweiflung schrieb er einen Abschiedsbrief an seine Angehörigen. Am nächsten Morgen wurde er tot aufgefunden. Sein Tod war jedoch für alle Beteiligten unverständlich. Während der Nacht war die Kühlanlage ausgefallen, und er hätte überleben können.
Der Mann starb in der Überzeugung, dass er keine Chance hatte zu überleben. Damit verurteilte er sich selbst zum Tode.
Menschen ohne Hoffnung verfallen oft in Depressionen. Sie werden Opfer ihrer eigenen Überzeugung von Ausweglosigkeit. Der Zustand völliger Hoffnungslosigkeit ist die Erfahrung von einer Hölle auf Erden.
Die Hoffnung dagegen ist eine wichtige Stütze unseres Menschseins. Sie verleiht uns Flügel, um auch die schwierigsten Lebenssituationen zu meistern. In besonders schwierigen Momenten kann sie sogar Leben retten.
Gleichzeitig werden wir auf dem spirituellen Weg angehalten, alles loszulassen, selbst die größten und wichtigsten Stützen. Worauf es ankommt, ist die Bereitschaft zum Loslassen. Wo Menschen klammern, dort kann selbst die Hoffnung zum Hindernis werden. Dann wäre sie das letzte Bollwerk des Egos.
Unsere menschlichen Hoffnungen sind also einerseits wichtige Flügel und gleichzeitig die letzten Flügel, die an der Schwelle zum göttlichen Nichts abzulegen sind. Dies nimmt der Hoffnung nichts von ihrer Kraft. Die Vision einer neuen Erde behält ihre Bedeutung. Wir dürfen hoffen.
Jan Šedivý
Aus dem 11. Kapitel des Propheten Jesaja:
An jenem Tag wächst aus dem Baumstumpf Isais ein Reis hervor,
ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.
Der Geist des HERRN ruht auf ihm …
Er richtet nicht nach dem Augenschein und nach dem Hörensagen entscheidet er nicht,
sondern er richtet die Geringen in Gerechtigkeit
und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist. …
Der Wolf findet Schutz beim Lamm,
der Panther liegt beim Böcklein. …
Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter
und zur Höhle der Schlange streckt das Kind seine Hand aus.
Man tut nichts Böses und begeht kein Verbrechen
auf meinem ganzen heiligen Berg;
denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des HERRN,
so wie die Wasser das Meer bedecken.
Bethlehem in uns
In unserem Leben gibt es nicht nur eine Geburt. Geboren werden geschieht mehr als nur einmal. Bei unserer ersten, unserer biologischen Geburt, werden wir in eine Familie hineingeboren, in der wir aufwachsen und die uns prägt und unser Überleben sichert.
Danach folgt eine Reihe psychologischer Geburten, zum Beispiel, wenn wir „Ich“ sagen lernen und unser Ichbewusstsein erwacht, oder wenn wir uns später von unseren Eltern abnabeln und eigenständig werden. Dann meist nochmal, wenn wir zurückblicken auf unser Leben, unsere Vergangenheit aufarbeiten und unser Leben nochmal neu ausrichten.
An Weihnachten feiern wir unsere spirituelle Geburt aus unserem göttlichen Wesenskern heraus. Es geht um ein wachsendes Transparent werden für unser Wesen und um Kräfte aus diesem inneren Kern wie Freude und Frieden. Es sind Kräfte, die uns im Alltag stärken und uns reifen lassen.
Zu all diesen Geburten gehört eine Vorbereitungszeit. Auf der biologischen Ebene ist es das Heranreifen im Mutterleib. Auf der psychologischen Ebene geht es um die Auseinandersetzung mit uns selbst, mit unseren Eltern und mit der Welt, in der wir leben. In dieser Zeit ziehen Jugendliche sich oft zurück. „Bitte nicht eintreten“ steht dann groß und deutlich auf ihrer Zimmertür als Zeichen des Rückzugs, um zu sich selbst zu finden.
In der Vorbereitung auf die göttliche Geburt geht es um das Einüben einer inneren Haltung. Diese Haltung wird uns in den Krippenfiguren vor Augen geführt. JOSEPH, der seinen Träumen folgt, weist uns hin auf das Zurücknehmen unseres Denkens in der Stille. Die HIRTEN, die nachts (!) ihre Schafe hüten, symbolisieren des Schweigen unserer äußeren Sinne.
Joseph und die Hirten, das sind zwei uralte Bilder für das, was wir in unserer Übung praktizieren: Loslassen, die Aktivität der Gedanken und Sinne zurücknehmen, damit wir aufnahmefähig werden für Friede und Freude. Im Loslassen finden wir heim nach Bethlehem, übersetzt: in das „Haus des Brotes“. Dieses Haus des Brotes ist tief in unserer Seele, wo wir mit Gott eins sind und von wo aus sich unser Menschsein im Alltag nährt und entfaltet.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.
Stefan Eideloth
Der Stern ist da und leuchtet
Sag’ selbst:
Steht der Stern nicht still am Firmament deines Herzens?
Er ist klein?
Er ist fern?
Aber er ist da
Er ist nur klein, weil du noch weit zu laufen hast!
Er ist nur fern, weil deiner Großmut eine unendliche Reise zugetan wird.
Aber der Stern ist da!
Das Herz muss sich bewegen!
Das betende,
das verlangende,
das schüchtern, aber ehrlich in guten Werken sich übende Herz,
das läuft, das wandert Gott entgegen,
das Herz, das glaubt und sich nicht verbittern lässt,
das Herz, das die Torheit der Güte für gescheiter hält als die Schlauheit des Egoismus,
das Herz, das an die Güte Gottes glaubt,
das Herz, das seine Schuld sich liebend von Gott vergeben lassen will,
das sich von Gott überführen lässt seines geheimen Unglaubens
und das sich darüber nicht wundert, sondern Gott die Ehre gibt und bekennt –
ein solches Herz hat die abenteuerliche Reise der königlichen Herzen nach Gott angetreten.
Brich auf, mein Herz, und wandre!
Es leuchtet der Stern.
Viel kannst du nicht mitnehmen auf den Weg.
Und viel geht dir unterwegs verloren.
Lass es fahren.
Gold der Liebe,
Weihrauch der Sehnsucht,
Myrrhe der Schmerzen
hast du ja bei dir.
Er wird sie annehmen.
Karl Rahner (1904 – 1984)
in „Dann leuchtet ein Stern“
Erinnerung an Sabine Schubert
Die Nachricht von Sabines Tod kam unerwartet und sehr überraschend. Viele von uns haben sie gekannt und geschätzt. Leider erfuhren wir erst nach Sabines Beerdigung, dass sie verstorben war. Sie gehörte zu den Gründungsmitgliedern unseres Vereins für Kontemplation und hat über viele Jahre, zuletzt als zweite Vorsitzende, in unserem Vorstand mitgearbeitet.
Ich selbst habe Sabine bereits als Studentin der Theologie kennengelernt. Sie besuchte unsere Kontemplationskurse, und ich durfte sie begleiten. Über viele Jahre hat Sabine selbst eine Kontemplationsgruppe in Rosenheim-Kastenau begleitet. Sie besaß gute Voraussetzungen, selbst eine Kontemplationslehrerin zu werden, sah ihre Aufgabe aber anderswo. Als Pädagogin hat sie einzelne Elemente der Kontemplation, wie Gebetsgebärden und den Umgang mit der Stille, gerne in ihre Arbeit integriert.
Ihr Tod ist nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang für sie. Wir behalten Sabine in dankbarer Erinnerung mit dem Segenswunsch, den wir uns gegenseitig zusprechen:
„Du bist gesegnet, ein Segen bist du.“
Niemals bin ich allein
Viele, die vor mir lebten
Und fort von mir strebten,
Webten, webten
An meinem Sein.
Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Liebe ist das unbedingte Interesse
an der Entfaltung des Geliebten.
Gerald Hüthe
