Liebe Leserinnen und Leser unseres Konti-Letters
Die heutige Ausgabe enthält folgende Beiträge:
Freude – ein Fundament (von Jan Šedivý)
Über den Begriff der “Freude” (von Birgit K.)
“Ode an die Freude” (von Stefan Eideloth)
Freude – ein Fundament
Es gibt Momente, in denen wir spüren, dass das Leben mehr ist als die Summe seiner Tage. Eine innere Stille, die sich ausbreitet wie ein Atemzug, der tief geht. In solchen Augenblicken kommen wir der Freude nahe – nicht der lauten, schnell verblassenden Fröhlichkeit, sondern jener stillen, grundtiefen Freude, von der spirituelle Traditionen aus aller Welt sprechen.
Freude ist nicht Heiterkeit
Freude im spirituellen Sinn ist nicht dasselbe wie gute Laune. Sie ist tiefer. Sie ist ein grundlegendes Ja zum Leben, das selbst inmitten des Leidens anhält – ein Ausdruck des tiefen Einverständnisses des Herzens mit der Wirklichkeit, so wie sie ist. Diese Freude schließt weder Trauer noch Tränen aus. Jeder, der einen Menschen durch eine schwere Krankheit begleitet hat, weiß: Es gibt Momente echter Verbundenheit, die etwas in sich tragen, das man kaum anders nennen kann als – Freude. Nicht trotz der Schwere. Sondern mitten in ihr.
Das Leben sollte in seiner ganzen Wahrheit angenommen werden – mit Freude und Trauer, mit Stille und Wildheit. Ein solcher Blick schärft unsere Sinne und ist mit Einfachheit und Alltäglichkeit verbunden.
Getragen werden – die Wurzel der Freude
Das schönste Bild dafür ist das eines Tänzers oder einer Tänzerin auf der Bühne. Von einem guten Tänzer strahlt Lebensfreude aus – seine Schritte wirken, als würde er kaum den Boden berühren. Stellen wir uns aber vor, die Bühne wäre morsch. Die Leichtigkeit wäre sofort dahin. Freude entsteht aus dem Erleben, getragen zu werden. Sie ist nicht Resultat von Anstrengung, sondern Folge von Vertrauen. Freude lässt sich nicht künstlich herstellen. Sie öffnet sich dort, wo wir aufhören, gegen das Getragensein zu kämpfen.
Buddhismus und Yoga kennen Begriffe für diese stille, grundlose Freude: Im Buddhismus heißt sie mudita, in der Yoga-Tradition ananda – eine Freude, die entsteht, wenn wir den Widerstand gegen den gegenwärtigen Augenblick aufgeben. Wenn wir erkennen: Hier, in diesem Atemzug, ist bereits alles vorhanden. Wir müssen nichts beweisen. Wir müssen niemand anderes sein. Christentum, Buddhismus, Yoga – sie alle stimmen in einem überein: Diese Freude ist kein Gemütszustand, den man wählen kann. Sie ist etwas, das dem Wesen unseres Seins im Zustand völliger Offenheit entspricht.
Masken ablegen, Freude gewinnen
Wir wissen, wie viel Energie es kostet, eine Fassade aufrechtzuerhalten – die Maske der Stärke, der ewigen Unberührtheit. Wenn wir diese Masken ablegen, kehrt diese Energie zurück. Wir beginnen, Vitalität zu spüren, Lebensfreude und schöpferische Kraft. Freude hängt also auch mit Authentizität zusammen – nicht mit Perfektion, sondern mit dem Mut, wahr zu sein.
Humor als Hüter der Leichtigkeit
Echter Humor – nicht Zynismus, nicht billige Ironie – ist Ausdruck innerer Freiheit. Er ist das beste Gegenmittel gegen Ideologie und Fanatismus jeder Art, auch auf dem spirituellen Weg. Er gibt dem Leben Leichtigkeit und hilft im Umgang mit Problemen. Wer durchs Leben mit Freude geht, sucht unter jedem Stein nicht gleich nach dem Teufel, sondern verlässt sich lieber auf seinen Engel.
Freude als Frucht – nicht als Ziel
Freude will sich zeigen. Sie ist wie ein inneres Licht – und wenn wir den Meditationsort verlassen, nehmen wir dieses Licht mit. Es wird zum Lächeln für die Kassiererin im Supermarkt, zur größeren Geduld im Stau, zum echten Mitgefühl mit unseren Nächsten. Es ist wie Wasser aus einer Quelle – es fließt für alle, die es brauchen können, und kümmert sich nicht darum, wie jemand damit umgeht.
Freude ist die Frucht der Kontemplation. Wir können sie nicht erzwingen, nicht festhalten, nicht verlängern. Aber wir können uns für sie öffnen – jeden Tag aufs Neue.
Jan Šedivý
Über den Begriff der “Freude”
Eine kleine, dem Zeitgeist entsprechende anthropologische „Anmerkung“
„Freude“ im herkömmlichen Sinne ist gerade in unserer schnelllebigen, auf „Effizienz“ und Produktivität ausgelegten Zeit ein Begriff, der tatsächlich kaum mehr im ursprünglichen Sinn gebraucht, gehört und verwendet wird. Es geht in diesem Zusammenhang derzeit eher um das für alle durch bestimmte Techniken „machbare Glück“, um Spaß, immer auch irgendwie um Konsumverhalten, aber auch um Resilienz, um Wellness, um ein Funktionieren im Rad der Geschäftigkeit; es geht um die gelingende „Performance“ nach außen und um „Selbstoptimierung“ im Rahmen eines selbstgewählten Lebensideals.
In bewusster Abgrenzung bzw. Ergänzung auf die spirituelle Dimension der Freude, die Jan Sedivy im betreffenden Artikel dieser Ausgabe thematisiert, habe ich hier in subjektiver Manier eine kleine Sammlung von Aspekten des Begriffs „Freude“ zu erstellen versucht, wie wir sie derzeit im üblichen Diskurs vorfinden.
Freude, die
- Etymologisch: Gefühl der Hochstimmung, inneren Heiterkeit; (althochdeutsch: frewida, mittelhochdeutsch: vreude; Adjektiv: froh; der germanische gemeinsame Wortstamm bedeutet „froh machen“).
- Psychologisch: Freude (F.) ist eine lebhafte Emotion, häufig begleitet von einem positiven Gefühl der Erfüllung, das der Einzelne erlebt, wenn seine Bedürfnisse und Wünsche erfüllt werden. Sie gilt als ein wesentlicher Steuerungsmechanismus hin zu positivem Erleben und zur Stärkung der psychischen Widerstandsfähigkeit (Resilienz).
- Philosophisch: F. unterscheidet sich vom eher kurzfristigen Vergnügen durch ihre Dauer und Intensität, aber auch vom Glück, das eher ein subjektiv gewertetes Ideal darstellt. F. wird oft mit Gefühlen von Harmonie und Einklang verbunden. In der Philosophiegeschichte ist sie ein zentraler Begriff, divers diskutiert.
- Neurobiologisch: F. wird durch die Reaktion des Belohnungssystems durch psychosoziale Ereignisse (sog. „Trigger“) im Gehirn ausgelöst, wobei die Transmitter Dopamin (für erhöhte Aufmerksamkeit), Oxytocin (bindungsstärkend) und Endorphine (verantwortlich für Glücksempfindung) eine zentrale Rolle spielen.
- Physiologisch: F. ist körperlich spürbar: sie erhöht die periphere Durchblutung und den Puls. F. entspannt, motiviert und vitalisiert.
- Sozial: F. stärkt Bindungen und fördert die Kooperation. Das echte Lächeln der Freude auf einem menschlichen Gesicht ist einer der stärksten Stimuli, der gleichzeitig persönliche und zwischenmenschliche Erfüllung bietet, sehr gut zu sehen bei Säuglingen und Kleinkindern.
Quellen: dwds.de/information-philosophie.de/Resilienz-Akademie
Birgit K.
“Ode an die Freude”
Ein geistliches Vermächtnis an die Welt.
Im Schlusssatz von Beethovens neunter Sinfonie erklingt die große Ode an die Freude, eines der weltweit am meisten gespielten Werke der klassischen Musik, seit dem Jahr 1972 auch als Europahymne bekannt.
Der Text stammt aus der Feder des berühmten deutschen Dichters Friedrich Schiller. Im Jahr 1785 schrieb er das tiefsinnige Gedicht „An die Freude“, überzeugt, dass Freude eine wesentliche Kraft ist, die uns Menschen verbindet. Beethoven entdeckte Schillers Gedicht, nannte es „Ode an die Freude“ und kleidete es in jenes kraftvolle musikalische Gewand, in dem wir es kennen.
Das Lied besingt die Freude als einen „Götterfunken“, also nicht gemacht aus flüchtigen Spaß- und Heiterkeitsmomenten, sondern als ein Wesensmerkmal von uns Menschen, das schon immer in uns da ist, uns verbindet und beflügelt, und das erfahrbar wird, wenn wir uns geliebt und angenommen fühlen. Im Zustand wahrer Freude erübrigt sich jedes Streben, mehr sein zu wollen als der andere. Dann erfüllt sich auch, was im Text verheißen wird: „Alle Menschen werden Brüder“.
Auf Youtube (mit Text): Europahymne
Stefan Eideloth
Vergnügungen
Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein
Bertold Brecht (1954)
Sozusagen grundlos vergnügt
Ich freu mich, dass am Himmel Wolken ziehen.
Und dass es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
Dass Amseln flöten und dass Immen summen,
Dass Mücken stechen und dass Brummer brummen.
Dass rote Luftballons ins Blaue steigen.
Dass Spatzen schwatzen. Und dass Fische schweigen.
Ich freu mich, dass der Mond am Himmel steht.
Und dass die Sonne täglich neu aufgeht.
Dass Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl. Da steht ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, dass ich bin.
In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An solchem Tag erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
– Weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben.
Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Dass alles so erstaunlich bleibt, und neu!
Ich freu mich, dass ich … dass ich mich freu.
Mascha Kaléko, In meinen Träumen läutet es Sturm
