Liebe Leserinnen und Leser unseres Konti-Letters
Die heutige Ausgabe enthält folgende Beiträge:
Auf dem Weg zu mehr Menschlichkeit (von Stefan Eideloth)
Texte, Zitate, Anregungen (von Birgit K.)
Ein Blick über den eigenen Zaun (von Jan Šedivý)
Auf dem Weg zu mehr Menschlichkeit
Wohl die meisten Menschen spüren, dass Vieles im Moment ins Wanken gerät und unsere Welt vielleicht einen größeren, epochalen Wandel durchläuft. Politische Machtverhältnisse verschieben sich, künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt (digitale Transformation), der Klimawandel erzwingt einen Wandel in unseren Lebens- und Konsumgewohnheiten und Maßnahmen zum Schutz unserer Erde (ökologische Transformation) – all das sind starke Veränderungen auf vielen verschiedenen Ebenen.
Auch im ganz persönlichen Leben eines Menschen kann das Thema Veränderung plötzlich eine große Rolle spielen. Manchmal ist es eine Krise in einer Beziehung, eine Neuorientierung im Beruf oder eine Krankheit, die eine Veränderung einleitet. Es beginnt oft sehr unauffällig und leise. In dir tut sich etwas. Der Wunsch nach mehr Klarheit, Frieden oder Sinn in deinem Leben erwacht. Du spürst, dass der alte Pfad nicht mehr trägt, alte Denkmuster bröckeln. Das Bild vom Schmetterling, der seinen Kokon verlässt, kommt mir in den Sinn. Altes vergeht. Etwas ganz Neues beginnt. Werden, Vergehen und wieder Werden im Fluss des Lebens.
Auf dem spirituellen Weg lernen wir, uns jener Kraft zu öffnen, die uns hilft, bei allen gesellschaftlichen und persönlichen Veränderungen besonnen und wahrhaftig zu bleiben. In der Stille darf unser Ich zur Ruhe kommen. Gedanken, Wünsche und Sorgen lassen wir für einen Moment los. In der Stille geht es nicht mehr um irgendwelche Ego-Wünsche, um Talente oder berufliche Ziele. Auch nicht darum, etwas zu leisten oder zu erreichen, sondern darum, einfach nur da zu sein und der Stille zu vertrauen. Transformation auf dem spirituellen Weg bedeutet nicht, dass du dich neu erfinden musst. In der meditativen Übung wird vielmehr freigelegt, was schon immer in dir da war und auf dich wartet und in dir Gestalt gewinnen möchte. Die Stille öffnet uns für den Grund unserer Seele, für unser Wesen. Von dort kommen die Kräfte und Impulse, die uns stärken und erfrischen. In der Stille geschieht Regeneration, Heilung und Wandlung – ein Leben lang.
Im Alltag zeigt sich diese Erneuerung in Form von Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Sanftmut und Gerechtigkeitssinn. „Sauerteig durchdringt das Mehl“, sagt Jesus*. Wie Sauerteig das Mehl, so wandelt Kontemplation unsere Einstellungen, Wünsche und Verhaltensweisen von innen her. Es sind Kräfte, die uns guttun, uns untereinander verbinden; Kräfte, die wir für unser Leben im kleinen Alltag genauso dringend benötigen wie bei den großen politischen, sozialen und ökonomischen Herausforderungen unserer Zeit.
Transformation auf dem spirituellen Weg umfasst immer zwei Dimensionen: sie ist EINKEHR zu dir selbst, in die Tiefe deines innewohnenden göttlichen Kerns, zu dem, was du wirklich bist. Zugleich ist sie auch das ZIEL: der Weg zu mehr Menschlichkeit und damit zu einer menschlicheren und heileren Welt.
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* Sauerteig ist ein kraftvoller Teig, der vor dem Backen in kleiner Menge unter das Mehl gemischt wird. Er lockert dein Frühstücksbrötchen auf und verbessert dessen Verdaulichkeit, Aroma, Geschmack und Haltbarkeit. Guten Appetit! 😊
Stefan Eideloth
Texte, Zitate, Anregungen
Birgit K.
Der Strom
Ein Strom wollte durch die Wüste zum Meer. Doch so schnell er auch in den Sand fließen mochte, seine Wasser wurden dabei aufgesogen und verschwanden. Da hörte er eine Stimme, die aus der Wüste kam und sagte:
“Der Wind durchquert die Wüste, und der Strom kann es auch. Du musst dem Wind erlauben, dich zu deinem Bestimmungsort hinüberzutragen.”
“Aber wie sollte das zugehen?”
“Indem du dich von ihm aufnehmen lässt.”
“Aber kann ich denn nicht derselbe Fluss bleiben, der ich jetzt bin?”
“In keinem Fall kannst du bleiben, was du bist”, flüsterte die geheimnisvolle Stimme.
“Was wahrhaft wesentlich an dir ist, wird fortgetragen und bildet wieder einen Strom.”
Und der Fluss ließ seinen Dunst aufsteigen in die Arme des Windes, der ihn willkommen hieß, sachte und leicht aufwärts trug und ihn, sobald sie den Gipfel des Gebirges erreicht hatten, wieder sanft herabfallen ließ. Schöner und frischer als je zuvor.
Andere Zeiten e.V. (2010): Oh! Noch mehr Geschichten für andere Zeiten. Hamburg, S. 12.
D.T. Suzuki
Audio zu D.T. Suzuki:
Der Mann, der Zen in den Westen brachte
Ein Blick über den eigenen Zaun
Kontemplation und Mystik – Lesenswertes aus dem Würzburger
Forum der Kontemplation (WFdK)
Es ist nun schon viele Jahre her, dass ich zum ersten Mal an diesem Forum teilnahm – ganz am Anfang, als 1990 Willigis Jäger gemeinsam mit anderen den “Ökumenischen Arbeitskreis für gegenstandsfreies Gebet” gründete. Daraus erwuchs 1997 die Würzburger Schule der Kontemplation und schließlich 2011 das heutige Würzburger Forum der Kontemplation. Ich habe diesen Weg von Anfang an mitgetragen, mehrere Jahre auch im Vorstand des Forums. Die meisten Lehrerinnen und Lehrer, die dort wirken, waren wie ich Schüler von Willigis Jäger und wurden von ihm selbst als Lehrende bestätigt. Eng verbunden ist das Forum mit dem Benediktushof und mit der Kontemplationslinie “Wolke des Nichtwissens”.
Das Würzburger Forum versteht sich als Weggemeinschaft für Begegnung, Übung und Austausch. Es geht darum, die Kontemplation als gelebte Praxis neu zu beleben, in christlichen Gemeinden ebenso wie in der Gesellschaft insgesamt. Wer mag, findet auf der Webseite www.wfdk.de einen Einblick, wer dort lehrt und wofür das Forum steht.
Besonders ans Herz legen möchte ich die Zeitschrift “Kontemplation und Mystik”, die vom Forum herausgegeben wird und sich der Praxis und Theorie kontemplativen Lebens widmet. Im Archiv unter www.kum.wfdk.de/archiv warten zahlreiche frühere Ausgaben darauf, entdeckt zu werden – manche Beiträge können eine wirklich wertvolle spirituelle Anregung sein.
Jan Šedivý
