Warum begleite ich andere Menschen auf dem Weg der Kontemplation? Frei nach Meister Eckhart möchte ich antworten: „ich weiß nicht warum, aber ich mache es gerne.“ Es gibt Dinge im Leben, die kein Warum haben. Allen voran das Leben selbst und die Liebe. Sie beide leben aus ihrem eigenen Grund. So hat auch mein „Warum“ der Kontemplation etwas zu tun mit der Berührung durch die göttliche Liebe.
Kontemplation ist für mich nicht ein Weg in irgendeinen Zustand, auch nicht in den Zustand der Erleuchtung. Sie ist ein Prozess, ein Werden. Es geht um die Entfaltung unseres Potenzials als Mensch, um unser Mensch-Sein. Damit ist Kontemplation ein Weg der Menschwerdung. Dieses Werden hat kein endgültiges Ziel. Es geschieht in jedem Augenblick, der bewusst, achtsam und liebevoll gelebt wird. Dann erkennen wir, was stimmig ist in unserem Leben oder vielleicht auch nicht. Letztlich können wir das erfahren, was „Fülle des Lebens“ genannt wird. Dies gilt für jeden Schritt auf diesem Weg, egal wo wir stehen.
Die Stille verstehe ich dabei nicht als Methode, um irgendwo anzukommen, ein Ziel zu erreichen oder um irgendetwas zu werden, was ich jetzt nicht bin. Sie ist ein Raum, in den ich eintrete, in dem ich mich öffnen darf und alles loslasse, was ich loslassen kann. Hier wird der Boden bereitet für die Erfahrung jenes Lebens, das ich zutiefst bin und immer schon war. Dieses authentische Selbst möchte sich personalisieren und eine konkrete Gestalt annehmen als dieser Mensch, der ich bin.
Ich bin all jenen Menschen dankbar, die mich im Laufe des Lebens geprägt haben. Allen voran Willigis Jäger, der mir den Weg der Kontemplation aufgezeigt, mich viele Jahre lang begleitet und mir den Lehrauftrag erteilt hat.
Aber was wäre ich ohne mein Elternhaus, meine Familie, ohne meine Kontemplationsschüler und ohne viele andere Menschen, von denen ich im Laufe des Lebens gelernt habe und immer noch lerne? Auch sie sind und waren meine Lehrer, denn wir alle sind Lehrende und Lernende zugleich.
„Lerne, indem du lehrst“ lautet ein alter Grundsatz. Wir entfalten uns selbst, indem wir anderen helfen, sich zu entfalten. Darum ist meine Aufgabe als Lehrer nicht zu belehren, dozieren, ermahnen oder kluge Ratschläge zu erteilen, sondern motivieren, ermutigen, inspirieren.
Deshalb noch einmal, Ich weiß nicht warum, aber ich mache es gern.
Persönliche Angaben:
Geboren 1948 in Südmähren, verheiratet, drei Kinder, Studium der Philosophie und Theologie in Rom, Münster und Innsbruck. Bis zur Pensionierung Dienst in der Seelsorge und Erwachsenenbildung der Erzdiözese München, Kontemplationslehrer seit 1985. Spirituelle Leitung im Verein der Kontemplation e.V.

