“Sei ein Mensch”

Von Jan Šedivý

Marcell Reif, der Sohn eines überlebenden Holocaustopfers, hielt am 31. Januar 2024 eine bewegende Rede im dt. Bundestag. Darin zitierte er einen kurzen Satz, den ihm sein Vater mit auf den Weg gegeben hatte: „Sei ein Mensch“.
Es ist eine der schönsten Auszeichnungen für das Leben eines Menschen, wenn wir von ihm sagen können: „Er/Sie ist bzw. war ein Mensch.“

Wie ein roter Faden begleitet uns die Aufforderung zum Menschsein und zur Menschwerdung auf dem spirituellen Weg.
Dieser Aufforderung zu folgen ist eine der wichtigsten Aufgaben für unsere Zeit, denn das „Mensch-sein“, wenn es gelebt wird, ist die Antwort auf die größten Probleme in unserer Zeit.
Doch was bedeutet es konkret Mensch zu sein und Mensch zu werden? Es gibt keine allgemein verbindliche Definition und auch keine eindeutige Wegbeschreibung zum Menschsein. Dies ist eine Herausforderung, der sich jeder von uns zu stellen hat. Jeder realisiert das Menschsein auf seine ureigene und individuelle Weise. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten, Werte, die alle Menschen auf diesem Planeten verbinden: im Frieden leben, lieben und geliebt werden, Güter gerecht teilen, Sehnsucht und Suche nach einem größeren Leben ….

Wer sich nicht sicher ist, was das Menschsein für ihn konkret bedeutet, der könnte darauf achten, was sein Menschsein behindert. Wir bemerken und spüren ziemlich genau, wenn wir etwas denken, sagen oder tun, was unserem Menschsein zuwiderläuft.

Einen wichtigen Stellenwert im Prozess der Menschwerdung haben unsere Gedanken und die Art und Weise, wie wir mit den Gedanken umgehen. Die Gedanken spiegeln, was uns wichtig ist und das, was uns wichtig ist, gibt dem Leben eine Ausrichtung. Es bestimmt alles: wie und womit wir unsere Zeit verbringen, womit wir uns beschäftigen, mit welchen Menschen wir uns treffen, welche Bücher wir lesen, was wir uns im Fernsehen anschauen und wie wir uns im Internet im Bezug auf die sozialen Medien verhalten.

Ein alter Weisheitsspruch lautet:
Achte auf Deine Gedanken,
denn sie werden Worte.
Achte auf Deine Worte,
denn sie werden Handlungen.
Achte auf Deine Handlungen,
denn sie werden Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten,
denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter,
denn er wird dein Schicksal.

Und der antike Philosoph Epiktet sagt: „Nicht die Ereignisse stören unseren Geist. Es ist unsere Bewertung der Ereignisse.“ Dies bedeutet auch: Nicht das, was wir erleben, macht uns kaputt. Es sind unsere Gedanken darüber, was wir erleben, es sind unsere Urteile und Wertungen.

Aus dem Gesagten geht hervor, dass unser Mensch-Sein nicht mit der Geburt abgeschlossen ist, sondern ein Werden ist. Es entwickelt sich in einem Prozess, der im Erwachen zum wahren Menschsein mündet. Die Aufforderung „Sei ein Mensch“ und die Vollendung unseres Menschseins verbindet in einem großen Bogen das, was wir zu Weihnachten und Ostern feiern.
Weihnachten als Fest der Geburt von Jesus Christus wird auch Fest der Menschwerdung genannt. Ostern, das Fest der Auferstehung können wir Fest des Erwachens nennen. Fest des Erwachens zu einem neuen Menschsein, Fest der Vollendung unserer Geburt. Denn, wie Willigis Jäger zu sagen pflegte: „Jesu Tod ist auch unser Tod, seine Auferstehung ist auch unsere Auferstehung.“
Damit ist seine Menschwerdung auch unsere Menschwerdung und sein Menschsein ist auch unser Menschsein.