Es ist Mitte Oktober und in unserem Garten blühen die Obstbäume. „Verkehrte Welt“, dachte ich, als ich diese Veränderung sah. Doch dann wurde ich nachdenklich: Blühende Bäume im Herbst signalisieren, dass etwas nicht stimmt. Die Natur leidet unter Stress. Wenn der Regen lange ausbleibt, trocknet der Boden aus. Und wenn dazu ein feuchtwarmes Herbstwetter kommt, kann es sein, dass die Knospenruhe aufgehoben wird und die Bäume zu blühen beginnen. Angeblich schadet es ihnen nicht. Allerdings sind sich darüber die Fachleute nicht einig. Außerdem häufen sich die „Stressfaktoren“ der Natur. Ende August hat ein schwerer Sturm unsere Gegend heimgesucht und zerstörerische Kräfte freigesetzt. Viele Häuser wurden beschädigt, Gärten wurden verwüstet. In anderen Teilen des Landes und der Welt ist die Situation nicht besser.
Der Zustand der Natur wirkt auf mich wie ein Spiegelbild der Menschheit. Auch unsere Welt leidet unter einem großen Stress. Die Menschen erleben ihn in allen Lebensbereichen als Folge von Chaos, Leistungsdruck, Angst … . Sie möchten in Freiheit und Frieden leben und ein sinnerfülltes Leben führen. Viele sehnen sich nach Ganzheit, Verbundenheit und Liebe. Doch die Realität ist eine andere.
Der Sturm Ende August erinnert mich an die Exzesse des menschlichen Egoismus. So wie der Wind und Sturm in der Natur grundsätzlich eine wichtige Funktion haben, ist auch das, was wir Ego nennen, wichtig. Ins Uferlose entfesselt bringt der Egoismus jedoch nur Tod und Vernichtung.
Bei diesem Gedanken kommt mir die Geschichte vom Regenmacher in den Sinn, die Willigis Jäger oft erzählt hat und viele von Euch aus meinen Kursen kennen:
In einem Dorf hatte es lange nicht geregnet. Brunnen trockneten aus, Pflanzen gingen ein. Das Wasser wurde sehr kostbar. Als es den Menschen im Dorf schon sehr schlecht ging, hörten sie, dass in den Bergen ein weiser Mann lebte, der Regen machen konnte. Sie schickten eine Abordnung zu ihm mit der Bitte, er möge zu ihnen kommen und ihnen den Regen machen. Die Menschen des Dorfes taten dem Weisen leid, und so ging er mit ihnen. Im Dorf angekommen, suchte er sich eine leere Hütte am Ortsrand und setzte sich hinein. Es dauerte keine drei Tage, da kamen die Wolken und mit ihnen auch der langersehnte Regen. Ganz erstaunt fragten ihn die Dorfbewohnter, wie er das gemacht habe. Der Mann antwortete: „Ganz einfach: Ich kam zu euch, setzte mich hin und brachte mich selbst in Ordnung. Als ich in Ordnung war, kamt auch ihr mit euch selbst in Ordnung. Als ihr und die Menschen hier in Ordnung waren, kam auch die Natur in Ordnung. Und als die Natur in Ordnung war, kam der Regen.“
Im Wort “Ordnung” steckt “ordnen”. Das heißt: auf den richtigen Platz bringen, dorthin, wo es hingehört.
Die Veränderung beginnt immer bei dem, der sie sich wünscht. Wir können andere Menschen nicht verändern, jedoch wir können uns selbst ändern und es dadurch den anderen leichter machen, dass auch sie sich ihrerseits ändern. Dies ist kein Widerspruch zu Aktivitäten in Gesellschaft und Politik, sondern ihre Voraussetzung.
Johannes vom Kreuz schrieb in einem Brief an Teresa von Ávila: „Ich will die Welt verändern und habe beschlossen, bei mir zu beginnen. Schließt Du Dich mir an, dann sind wir schon zwei.“ Inzwischen sind wir viele, die beschlossen haben, bei sich selbst zu beginnen. Dies ist unser Beitrag für eine bessere Welt. Ich bin davon überzeugt, dass die Kraft, die der Einheitserfahrung entspringt, bereits in unserer Welt wirkt, die Wirkung weiter entfalten wird und sich letztlich durchsetzt. Trotz allem, was in unserer Welt gerade vor sich geht.



