Zwei Mönche waren unterwegs von einem Kloster zu einem anderen. Nach einiger Zeit kamen sie zu
einem Fluss. Dort begegneten sie einer jungen Frau, die wie sie an das andere Ufer gelangen wollte, sich
aber offenbar fürchtete, in den Fluss zu steigen. Da sagte der eine Mönch zu ihr: “Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen helfen, über den Fluss zu kommen.” Sie war angenehm überrascht und nahm das Angebot an. Da nahm der Mönch die junge Frau in die Arme, trug sie über den Fluss und stellte sie am anderen Ufer wieder ab. Sie bedankte sich, und die beiden Mönche setzten ihren Weg fort. Nach einem langen Marsch in Schweigen, als sie fast im Kloster angekommen waren, sagte der eine Mönch zum anderen: “Du hast die Frau über den Fluss getragen, aber du weißt doch, dass wir als Mönche das Gelübde abgelegt haben, nie eine Frau zu berühren.” Da antwortete der andere Mönch: “Ich habe die Frau vor Stunden über den Fluss getragen, du aber trägst sie immer noch mit dir herum.” (Autor unbekannt)
Die beiden Mönche sind schweigend unterwegs. Es sind Experten für ein Leben in Einfachheit und Stille.
Und doch herrscht in einem von ihnen große Aufregung. Ein beunruhigender Gedanke hat sich in ihm
festgesetzt und lässt ihn nicht mehr los. Mein Mitbruder weiß doch, „dass wir als Mönche das Gelübde
abgelegt haben, nie eine Frau zu berühren.”
Vielen Menschen ergeht es wie diesem Mönch. Sie tragen Dinge mit sich herum, die ihre Stimmung
trüben oder sogar Ängste heraufbeschwören und die Leichtigkeit und die Freude am Leben rauben. Bilder aus der Vergangenheit oder Sorgen über die Zukunft können am Selbstwertgefühl nagen, Hoffnung rauben, mutlos, freudlos, unfrei machen. Die Harmonie mit dem Leben gerät ins Wanken. Der Kopf wird schwer, und meistens auch das Herz. Innere Verhaftung an Gedanken oder Bildern kann die Seele sehr belasten und, in der Folge, den Blick für das, was im Augenblick ansteht, völlig trüben.
Oder der Geist gerät in den Vorwurfsmodus und man beginnt, anderen ihre (tatsächlichen oder auch nur
angeblichen) Verfehlungen ewig nachzutragen – mit Worten oder einfach nur in der eigenen Fantasie und
Vorstellung. Wie attraktiv sind doch Gedanken, die einem vorgaukeln, der oder die moralisch Bessere zu
sein. „Weißt du nicht, dass wir als Mönche ein Gelübde abgelegt haben …? Also ich wusste es!“ Die
psychologische Wirkung der Gedanken bleibt auch hier nicht aus: Hochmut gegenüber dem Mitbruder und ein hartes Herz gegenüber der Frau.
Durch die Übung der Achtsamkeit hätte der Mönch zunächst eine kleine Distanz zwischen sich und seinen Empfindungen herstellen können. „Ah! Ich empfinde Ärger über meinen Mitbruder.“ Was immer es auch ist – Ärger, Wut, Traurigkeit, Einsamkeit, Enttäuschung -, in unserer Übung lernen wir zunächst immer einfach nur wahrnehmen, was da ist – dass wir wütend, traurig, einsam, enttäuscht usw. sind, und es auch sein dürfen. Erst dann können wir loslassen und dafür sorgen, dass wir nicht mehr davon beherrscht werden. „Bedenk es auf deinem Lager und werde stille!“ lautet ein uraltes, kluges Wort in einem Psalm der Bibel (Ps4).
Von solcherlei Gedankenballast, der Mitgefühl blockiert und adäquates Handeln behindern kann, findet
sich bei dem hilfsbereiten Mönch keine Spur. Er ist ganz in seiner Übung – einfach nur da, achtsam für
diesen Moment, und daher einfühlsam für diese Frau und bereit, ihr zu helfen. Jean Pierre de Caussade,
ein französischer Jesuit (7.3.1675 – 8.12.1751) sagt: „Der gegenwärtige Augenblick gleicht einem
Gesandten, der den Auftrag Gottes übermitteln soll.“
Im Lauschen auf die Stille lernen wir, diesen Auftrag immer wieder zu erspüren. Wir lernen, Urteile und
Projektionen frühzeitig zu erkennen und loszulassen, was der zweite Mönch noch lernen muss – und wir
selbst wahrscheinlich auch immer wieder. Aber dafür ist es ja nie zu spät. Bleiben wir daher unserer
Übung treu, ausgerichtet auf unser Wort und unseren Atem und frei für den Auftrag, den uns jeder
Augenblick übermittelt.